staatlich anerkannte Krippe und Kindergarten

Einführung für neue Mitarbeiter*innen – Telos®-Entfaltungs-Haltung

Diesen Text erhalten unsere neuen Mitabeiter*innen.

Telos®-Kinderhaus Utting      

Liebe neue Mitarbeiter*in,

herzlich Willkommen bei der Telos®-Entfaltungs-Haltung – bisher genannt Telos®-Ermutigungspädagogik!

In diesem Text informieren wir Dich: Die Telos®-Entfaltungs-Haltung stellt sich vor!

Sich auf die Telos®-Entfaltungs-Haltung einzulassen ist wie eine Reise… manche Wege sind einem vertraut, manches fühlt sich an wie daheim und manches ist vollkommen ungewohnt.

Wir möchten mit diesem Text neugierig machen.

Wir möchten, dass Du Dich bei uns – in und mit der Telos®-Ermutigungs-Haltung – wohl fühlst… zuhause. Zuhause verhält man sich ungezwungen. Man macht es sich gemütlich und ist entspannt. Hin und wieder „werkelt“ man an verschiedensten Räumen, Regalen, Schubladen. Und dann gibt es noch die Routine-Arbeit, manchmal lästig, manchmal befriedigend. Zuhause macht es nichts, wenn etwas nicht gleich klappt. Man ist ja unter sich. Man kann es nochmal ausprobieren, üben, später weitermachen.

Wir möchten, dass Du dich in der Telos®-Entfaltungs-Haltung zu Hause fühlst – Du musst sie nicht gleich „können“. Du kannst in verschiedenen Schubladen stöbern. Da die Telos®-Entfaltungs-Haltung eine „Haltung“ ist, eine Einstellung dem Mensch-Sein, ja dem Leben gegenüber ist, kann sie nicht „gelernt“ werden. Sie kann „erfühlt“ werden. Was Dir davon liegt und gefällt, wirst Du alsbald leicht und gerne übernehmen. Anderes wird für Dich ungewohnt sein… sei neugierig, wie es zum Menschsein gehört. Lass Dich ein – wenn Du magst – frag nach, forsche, probiere aus, tausche Dich mit Kolleg*innen aus…

Hier ganz wenige Punkte, sozusagen der Fahrplan für die nächsten 23 Seiten:

  • Die Telos®-Ermutigungs-Haltung ist eine innere Einstellung.
  • Sie geht immer vom ICH, von MIR aus.

Jeder Mensch kann sich bewusst entscheiden, sein Leben aktiv in die Hand zu nehmen – und damit jede Beziehung gestalten.

  • Im Zusammensein mit den mir anvertrauten Kindern, den zugehörigen Familien, den Kolleg*innen und allen anderen, die im Telos®-Kinderhaus ein und aus gehen, gestalte immer ICH aktiv die jeweilige Beziehung.
  • Ich gehe „in den Schuhen des anderen, ich fühle mit seinem Herzen“ – und spüre die Gemeinschaft.
  • (Sozial) mutig – und mit Mut zur Unvollkommenheit – trage ich aktiv zur Gemeinschaft bei. Ob ich dies will oder nicht: Diese Entscheidung (mutig und unvollkommen beitragen, oder nicht) nimmt mir niemand ab.
  • Die Telos®-Entfaltungs-Haltung ist ein Sich-auf-den-Weg-machen… Viel Freude, Neugierde und freie Entfaltung damit!

Herzlich – Veronika Seiler mit dem Telos®-Team

***

·      Mein Handwerkszeug: Ich

In der Telos®-Entfaltungs-Haltung (Telos®-Ermutigungspädagogik) gibt es kein spezielles Handwerkszeug, kein besonderes Spielmaterial, keine besonderen Räume… es gibt die Beziehung. Die Beziehung zwischen der Pädagogin (wir bitten, dass sich im gesamten Text mit der weiblichen Form auch die männlichen Kollegen angesprochen fühlen – und umgekehrt) und dem Kind, der Pädagogin und den Eltern, den Pädagogen untereinander, der Pädagogin und den Besuchern.

Eine aktive Beziehung wird immer bewusst gestaltet. Im Telos®-Kinderhaus leben wir bewusst gestaltete Beziehungen. Diese sind die tragende Säule der guten pädagogischen Arbeit.

Telos®-Ermutigungspädagoginnen gestalten jede Beziehung bewusst und aktiv. Das bedeutet: Jeder Moment geht ganz klar und bewusst von mir aus. Ich bin der Ausgangspunkt des momentanen Miteinanders. Ich bin das Handwerkszeug der Telos®-Entfaltungs-Haltung, der Telos®-Ermutigungspädagogik.

Das bedeutet: Ich bin täglich aufs Neue aufgerufen, mich immer wieder neu kennenzulernen. Wer bin ich? Wie bin ich? Wie geht es mir heute? Dies ist so, wie wenn wir vor einer längeren Autofahrt das Auto durchchecken, ob es fahrtüchtig ist: Genug Benzin? Genug Wischwasser? Öl vorhanden? Alle Kabel richtig eingesteckt? Die Luft mit ausreichend Luft gefüllt?

Nur, wenn wir dies vor dem Antritt in die tägliche Arbeit – vor dem Betreten des Telos®-Kinderhauses – getan haben, sind wir wirklich einsatzbereit.

Und dies sind die Kriterien:

o   Meine Stärken

Was sind meine Stärken? Was mag ich an mir? Was kann ich gut? Welche schönen und positiven Eigenschaften und Qualitäten habe ich? Dies kann sich auf jeglichen Lebensbereich beziehen: Die Arbeit (in der Kita), die Arbeit in einem anderen Bereich, meine Familie, meinen Freundeskreis, die Gemeinschaft meiner Nachbarn und im Ehrenamt, die Natur, meine Hobbys, usw.

Es ist eine schöne Beschäftigung, sich eine Woche lang täglich mindestens 5 positive Eigenschaften und Qualitäten von sich selbst aufzuschreiben. Dies kann ein sogenanntes „Wachstumsbuch“ werden. Man wird merken, dass diese positiven Eigenschaften immer persönlicher, immer weniger bedeutsam und auffällig für andere werden – und dafür sehr viel inniger, ja „intimer“ und liebevoller…

Meine Stärken sind die Basis für jegliche gute Beziehung – auch der Beziehung zu mir selber!

o   Meine Schwächen

Jeder Mensch hat Stärken – und Schwächen. Diese gehören zum Mensch-Sein dazu. Meist sind sie ein Bereich, wo etwas „fehlt“. Wo man etwas dazu lernen darf.

Anders, als in der bisher üblichen „Fehler-Kultur“, sind unsere Schwächen nichts Negatives. Wenn wir selber unsere Schwächen kennen – sind wir den uns anvertrauten Kindern Vorbild für den Umgang mit Schwächen.

Warum ist es wichtig, seine Schwächen zu kennen? Weil sie ein Teil von mir sind. Weil sie immer in mir wirken werden, bis ich sie erkannt habe. Weil sie etwas zu sagen haben, eine Botschaft genau für mich. Weil sie mir helfen wollen, etwas zu lernen.

Deshalb darf ich sie anschauen, fragen, wie sie heißen, mit ihnen ins Gespräch kommen.

Was sind also meine Schwächen? Wie heißen sie? Wann haben sie angefangen? Dieser Prozess bedeutet nicht, wieder hinein zu gehen in ein unschönes vergangenes Erlebnis; von außen darf ich in mein zurückliegendes Leben schauen und mich wundern. In der Leichtigkeit des Wunderns – möglicherweise mit Hilfe eines bewusst gewählten Abstand-Halters zur Vergangenheit – gibt es oft Erkenntnis-Blitze. Und wir verstehen, warum wir so sind, wie wir sind.

Konkret: Lade deine „Schwäche“ ein zu einem Plausch bei Tee und Kuchen. Stelle sie dir als „Wesen“ vor. Wie sieht sie aus? Hat sie eine menschliche Form? Oder sieht sie aus wie ein Tier oder sonst etwas? Komme mit ihr ins Gespräch. Bedanke dich, dass sie hier ist. Frage sie, was du wissen möchtest: Warum warst du damals da? Warum bist du jetzt da? Welchen Nutzen hast du? Was wolltest du mir sagen? Und vieles mehr. Indem du sie als „freundlichen, gleichwertigen Gesprächspartner“ wahrnimmst, fokussierst du dich genau darauf: Einem eventuell zurückliegenden Drama gibst du keinen Raum (in die zurückliegende unschöne Vergangenheit tauchst du emotional nicht ein). Antworten können in Form von Worten, Gedanken, Farben, Gerüchen, Erinnerungen an Musik genauso erscheinen, wie dadurch, dass sich in deinem Augenkino die Gestalt deiner „Schwäche“ verändert.

o   So, wie ich bin, bin ich gut genug

Dies ist ein Satz von Theo Schoenaker, der das Encouraging-Training (auf Grundlage der Individualpsychologie) entwickelt hat.

So, wie ich bin, bin ich gut… genug.

Genauso, wie ich in diesem Moment bin. Das bin ich. Und ich muss nichts ändern, damit ich sein darf. Ich nehme mich an, so wie ich bin.

Viele von uns sind mit dem Bewusstsein von „Fehlern“ aufgewachsen. Oft in unserem Leben gab es Menschen, die genau auf unsere Fehler gezeigt haben. Leider viele Eltern, besonders oft auch in der Schule. Alles wurde/wird rot markiert, was falsch ist. Wie viel wäre rot, wenn nur das Richtige angestrichen würde?

Insofern haben viele von uns eine gewisse Scheu, sich als gut genug zu bezeichnen. Dies ist eine Übung für einige Zeit, sich immer wieder diesen Satz auf der Zunge und im Herzen zergehen zu lassen.

Es nimmt den Druck von uns, uns ändern zu müssen. Es entspannt. Es lässt Ruhe einkehren. Und damit entsteht in Gelassenheit ein Raum zur Entwicklung und Entfaltung. So wie ein kleiner Baum-Sprössling, der sich der Sonne entgegen strecken darf…

o   Mit was bin ich gefüllt?

Viele Pädagoginnen und Pädagogen sind sehr feinfühlig. Das ist gut. Denn mit diesem Feingefühl fühlen wir, wie es den uns anvertrauten Kindern geht. Allerdings geht – wenn wir es zulassen – auch vieles in uns hinein, was da gar nichts zu suchen hat.

Stellen wir uns vor, wir sind ein Sieb, dass in unserer Umwelt herumfischt. Vieles bleibt im Sieb hängen – das, was wir von den Kindern erfahren wollen, um sie individuell begleiten zu können; aber oft auch das, was wir aus Versehen, im Unverstand einsammeln.

Und am Abend kommen wir heim und sind „voll“. Unser Sieb ist gefüllt mit allerhand „Zeug“.

Soll das da sein? Gehört das zu mir? Was davon bin „ich“?

… und wenn ich es genau betrachte, merke ich, dass nur ein geringer Prozentsatz „ich selber“ bin. Ist überhaupt noch Platz für mich? Wo bin denn dann ich?

Viele Menschen sind auch gefüllt mit ihrer Vergangenheit: Kindheits-Erlebnisse, Ereignisse aus der Jugend- und Erwachsenenzeit. Wertneutrale ebenso wie bewertete, schöne genauso wie unschöne. An manche können wir uns bewusst erinnern, die meisten davon schlummern unerkannt ihren Dornröschenschlaft in uns. Meist haben diese Ereignisse eine geheime Botschaft an uns. Da sie schlummern und wir uns ihrer meist nicht bewusst sind, kann es plötzlich geschehen, dass sie durch jetzige Erlebnisse angetriggert werden – Erlebnisse, die wir oft im Umgang mit Kindern haben… Soll das da (noch) sein? Darf ich mich von der Belastung lösen, wenn/sobald ich die dahinter liegende Botschaft verstanden habe?

o   Was kann mir Kraft geben?

Nun geht es darum, sich immer wieder mit dem passenden „Treibstoff“ zu füllen: Was ist es, was genau mir Kraft gibt? Dazu gehört auch, zu erkennen, wann die Tanks beginnen, sich zu leeren. Wenn sie leer sind, ist es schon zu spät. Mit Bewusstheit erkennen, wann der Tankanzeiger Richtung „Reserve“ wandert, ist die Aufgabe in der Telos®-Entfaltungs-Haltung, also jeder bewussten Telos®-Ermutigungspädagogin. Was die für jeden persönlich geeignete Tankfüllung ist, kann nur jeder selber herausfinden. Hier ein paar Anregungen:

  • Tief atmen
  • Sich aus der anstrengenden Situation herausziehen (Kolleg*innen übernehmen lassen)
  • Sich virtuell (in Gedanken) an einen schönen Ort versetzen – das tiefe Gefühl der Entspannung in alle Zellen eindringen lassen
  • Ein Glas Wasser trinken (statt noch eine weitere Tasse Kaffee)
  • Sich virtuell in eine schöne Farb-Wolke einwickeln – welche Farbe brauche ich gerade?
  • Sich sein Wachstumsbuch vornehmen und ein, zwei Stärken lesen und gefühlsmäßig ganz in diese positive Energie eintauchen.
  • Sich zugestehen, dass ich jetzt drei Minuten Pause brauche (und nicht sich selbst und den Kolleg*innen beweisen wollen, wie gut man durchhalten kann).
  • Sich an ein schönes Musikstück erinnern, es anhören, es pfeifen…

o   Was zieht mir Energie?

Manche Dinge (Situationen) ziehen uns unerlaubterweise Energie. Wir wissen gar nicht, was es ist – und fühlen uns (anschließend) wie ausgelaugt.

Dies können Erlebnisse/Situationen sein, die uns zu Hause wiederfahren, körperliche Wehwehchen, das Gedanken-Karussell, das Wetter… Kinder spüren, was uns Erwachsene beschäftigt. Und spiegeln uns dies in ihrem Verhalten wider.

Es ist wichtig, (zunächst rückwirkend) zu erkennen, was uns Energie gezogen hat! Welche Situation, welches Erlebnis war das? Kann ich erkennen, was genau so anstrengend war? Erinnert mich diese Situation an ein Erlebnis für früher? Habe ich mich zu sehr verausgabt (bin ich auf „Reserve“ gefahren)? Ist es das Wetter? Oder ein körperlicher Zustand?

Nun gilt es, jederzeit den pädagogischen Alltag sehr bewusst zu gestalten: Zu merken, wann ich in einer solchen Situation bin – UND: wenn ich wieder in eine solche Situation komme, bevor es an die Reserven geht! Das ist die wichtigste Aufgabe!

Das Lösungsfinden ist dann wieder individuell:

  • Dem Team am Morgen kurz mitteilen, dass es mir nicht gut geht, dies aber nichts mit der Kita zu tun hat. (Sonst besteht die große Gefahr, dass die uns anvertrauten Kind und die Kolleg*innen das gezeigte Verhalten fehl-interpretieren und möglicherweise auch noch auf sich selbst beziehen.)
  • Sich mit dem Team beraten.
  • Das zurückliegende, belastende Erlebnis aus der Vergangenheit „heilen“.
  • Mich zu Beginn der Arbeit und in den Pausen bewusst füllen mit „mir“, mit meinen zu mir gehörenden Fähigkeiten (Stärken genauso wie liebgewonnenen Schwächen).

o   Für was bin ich verantwortlich?

Als bewusste Pädagogin bin ich verantwortlich für mich und fühle ich mich – und bin ich verantwortlich für die mir anvertrauten Kinder.

Die Telos®-Entfaltungs-Haltung lebt von der Gemeinschaft. Ich bin immer Teil einer Gemeinschaft. Die Gemeinschaft lebt von vielen Ich. Jedes Ich ist aufgerufen, 100% zu geben, also zu 100% verantwortlich zu sein. Wenn ich glaube, dass es reicht, wenn ich nur 50% gebe, werde ich mehr und mehr überprüfen, ob die andere auch „ihre 50%“ gibt. Ich werde vergleichen… und möglicherweise wahrnehmen, dass der andere „nur“ 49% gibt. Schnell kann es geschehen, dass ich dann – aus einem kleinen Gefühl der Minderwertigkeit/der Entmutigung heraus – neidisch werde. Und selber „nur noch 49%“ gebe. Dann passiert folgendes: Niemand fühlt sich verantwortlich… das Schiff Kita schlingert auf seinem Kurs, die Wellen werden höher, die uns anvertrauten Kinder spüren dieses Ungleichgewicht der sie begleitenden Erwachsenen und werden ebenfalls „unharmonisch“. Weil nun sie aus Sorge das Ruder übernehmen (müssen), die fehlenden % ausgleichen müssen.

Für was bin ich verantwortlich? Entspricht das, für was ich verantwortlich bin, dem Bedarf und der Notwendigkeit?

Es ist nicht gut, dauerhaft auf vollen Touren zu laufen. Wir überfordern uns und unsere Kräfte. Und manche von uns übernehmen sogar mehr als 100%. Sie übernehmen dann unausgesprochen Bereiche, die gar nicht in ihren Aufgaben-Bereich fallen. Eine Zeit lang mag das alles gut sein – auf Dauer zehrt dies enorm an unseren Energie-Reserven.

Für was ich wirklich wann wie viel verantwortlich bin, mag gut überlegt und erspürt sein. Der Armlängentest ALT (siehe unten) kann eine Hilfe sein, um zu erkennen, wo ich zu viel, wann ich zu viel, oder wann ich zu wenig übernehme.

Zunächst ist es wichtig, das Zuviel loszulassen: Wenn ich es loslasse – wer übernimmt es dann? Es mag eine Zeit lang dauern, bis das Gegenüber merkt, dass nun die Aufgabe, für die es eigentlich zuständig ist, wieder frei ist. Wenn ich das Zuviel losgelassen habe, wird Raum frei für das eigentlich zu mir Gehörige! Was ist genau meine Aufgabe, für die ich im Kinderhaus bin? Diese darf dann ganz gelebt werden. Und wenn es die richtige ist, macht sie so viel Freude, dass sie enorm viel Energie gibt!

Nun stellt sich in keinster Weise mehr die Frage nach der Prozentzahl der Verantwortlichkeiten. Wenn wir dies leben, für was wir hier sind, ergibt sich Energie in Hülle und Fülle.

o   Spiegel

Kinder sind in sehr vielen Fällen der Spiegel für uns Pädagoginnen. Sie bringen das in ihrem Verhalten zum Ausdruck, was uns selbst – meist unbewusst – beschäftigt. Schauen wir also genau hin. Prüfen wir also, wer der zukünftige Adressat unseres ermutigenden Handelns ist: Das Kind? Ich selber?!

o   Wertgeschätzte Zeit

Meine wichtigste Aufgabe in der Telos®-Entfaltungs-Haltung bin also ICH.

Dafür bekommen die Telos®-Mitarbeiterinnen eine gewisse Zeit: Zum einen direkt nach dem Betreten des Hauses ein paar Minuten, um sich für die Kita-Arbeit bereit zu machen. Zum anderen in kurzen individuellen Pausen, um sich wieder zu sortieren und zu klären.

Auch das wöchentliche Team beginnt mit einer solchen wertgeschätzten Zeit. Dies hilft zum einen jeder Einzelnen, bewusst und „ganz“ im Team anzukommen. Zum anderen ist es eine Bereicherung für das Gesamt-Team: Das WIR-Gefühl wird gestärkt, jeder Einzelne in seiner Individualität innerhalb der Gemeinschaft.

Dazu gibt es verschiedene spielerische Übungen: Das „ZüBaMo“, einen bestimmten Satz-Anfang individuell beenden, ein innerwise-Kärtchen ziehen und die daraus gewonnenen Erkenntnis im ZüBaMo mitteilen (oder nicht), die Prioritäten der Kolleginnen kennen- und wertschätzen lernen und vieles mehr.

·      Der Blick auf die Welt: Die Grundlagen

Die tragende Säule der Telos®-Entfaltungs-Haltung, der Telos®-Ermutigungspädagogik, ist die Individualpsychologie von Alfred Adler (1870 – 1937). Der Arzt Alfred Adler war zunächst von den Ideen Freuds angetan – letztendlich hat er seine eigene Sicht auf die Menschen entwickelt, die Individualpsychologie (individere, lat. = unteilbar). Adler wollte mit diesem Begriff die „Unteilbarkeit des Menschen“ zum Ausdruck bringen, die Einheit von Denken – Fühlen – Handeln – mittlerweile steht er in der Telos®-Entfaltungs-Haltung auch für die „Einzigartigkeit jedes Menschen“ (Individualität). Da der Begriff der „gleichwertigen Gemeinschaft“ sehr wichtig ist, geht es bei „Individualität“ nicht darum, als Einzelner besondere Spezial-Fähigkeiten zu entwickeln, um anerkannt zu sein. Jeder Mensch ist so, wie er ist, gut genug, willkommen und in sich „perfekt“ – innerhalb und anerkannt in der Gemeinschaft.

Innerwise®, eine Methode, um das Leben in Leichtigkeit und Freude in Fluss zu bringen, wurde von dem Arzt Uwe Albrecht entwickelt. Innerwise® ist die perfekte Ergänzung für die Telos®-Ermutigungspädagogik. Weil sie zusätzliche menschliche und strukturelle und weitere Ebenen anspricht, die bei der Individualpsychologie bisher zu kurz kamen.

Einige Begriffe der Telos®-Entfaltungs-Haltung:

o   Vertrauen – in die Entfaltungsmöglichkeiten des Lebens

Dies ist eine innere Grundhaltung – die man lernen kann. Alles hat einen Sinn, alles hat seine Richtigkeit. Es heißt nicht, dass ich die Hände in den Schoß lege und abwarte. Es bedeutet, in jedem Moment aktiv das Richtige zu tun. Indem ich meine Mitmenschen, die Orte um mich herum, die Situationen, in denen ich mich befinde, mit Mitgefühl mit-fühle, erkenne ich, was meine Aufgabe ist.

Vertrauen kann sich dann einstellen, wenn ich mir meiner bewusst bin (Wer bin ich? Wie bin ich – heute? Mit was bin ich heute gefüllt? Und so weiter – siehe oben.) Wenn ich meine Befürchtungen und Ängste kenne, wenn ich sie mit Namen ansprechen kann, werden sie zu dem, für was sie ursprünglich gedacht sind: Ein Hilfsmittel, um mich und die mir Anvertrauten vor Gefahren zu schützen. Aber nicht ein Werkzeug, das mich lähmt, das mich veranlasst, aggressiv zu werden oder über zu behüten.

Ich traue mir und dir zu, dass wir eine Situation meistern. Weil ich fühle, was von mir gebraucht wird. Und weil ich weiß, was Nötig ist. Das richtige Handeln stellt sich dann sozusagen von alleine ein.

o   Grenzenloses Wachstum – Vollkommenheit

Grenzenloses Wachstum sind die Worte, die uns mittlerweile näher liegen, als der etwas veraltete und überfrachtete Begriff Vollkommenheit. Stellen wir uns vor, es ist alles vorhanden und wir (sowohl das Kind als auch ich als Erwachsene) brauche nur die Hand auszustrecken und danach zu greifen: Mich für neues interessieren, mir in Freude neues aneignen, Raum geben für neue Fertigkeiten und Fähigkeiten. Ich glaube, das Bild des Schlaraffenlandes bringt es am deutlichsten zu Ausdruck. (Allerdings ohne das Gefühl, übervoll zu werden…)

In welche Richtung sich die Hand des Kindes streckt, für was sich das Kind interessiert (und eben nicht zu interessieren hat) bestimmt das Kind. Wir Erwachsene sind lediglich aufgefordert, die Üppigkeit des Schlaraffenlandes herzustellen.

Die ist feinfühlig zu gestalten: Nicht gemeint, ist die überbordende Fülle an Spiel- und Bastelmaterial! Gemeint ist, offen zu sein für das Neugier-Bedürfnis des Kindes, dafür Raum und Zeit bereit zu stellen und dem Kind immer wieder durch Vorleben zeigen, wo „Neues“ ist (im Telos®-Kinderhaus sind das die beiden „Schatzkammern“ mit den Reservespielen und –bastelsachen, bestimmte Schränke mit besonderen Spielen, Regale mit besonderen Büchern…), Anregen und selber tun: sich in Büchern, im Internet und bei anderen Menschen freudig informieren über Dinge, die mich selber interessieren. Also: Anregen zum neugierig sein, sich interessieren, ausprobieren, forschen. Dabei gebe ich nicht meine Richtung vor. Sondern wir  – Kind und ich – orientieren uns an unser beider Bedürfnis. Es geht weder um das Kind alleine noch um mich alleine, sondern um das Bedürfnis, das durch unser beider Zusammensein entsteht.

o   Freiheit

Stell Dir vor, Du machst eine geführte Wanderung. Oder eine Gruppen-Reise in ein anderes Land. Bei der Wanderung kommt Ihr an einer wundervollen grünen, üppigen Wiese vorbei. Schmetterlinge, Grashüpfer und die verschiedensten Hummeln, Käfer und Bienen tummeln sich auf ihr. Blumen und Gräser der herrlichsten Farben wiegen sich im Wind. Oh – in diese Wiese möchtest Du barfuß laufen, dich hineinlegen, den Wind auf Deiner Haut spüren und die Wolken über Dir ziehen sehen…

Bei der Gruppen-Reise möchtest Du unbedingt die Sehenswürdigkeit anschauen, von der Du schon lange gehört hast: In aller Ruhe alles ansehen, dich ein Weilchen hinsetzen und die Eindrücke dieses Ortes auf Dich wirken lassen…

Und nun sagt Dir der Wander-/Reiseleiter: Dafür ist nun keine Zeit, wir gehen weiter. Wir haben heute noch etwas anderes vor (Berg-Gipfel erreichen, andere Sehenswürdigkeit anschauen…).

Spürst Du, was bei Dir passiert?

Kinder wollen in Freiheit leben und lernen. Sie wollen selbstbestimmt ihre eigenen Erfahrungen machen. Weil sie spüren, für was sie jetzt in diesem Moment aufgeschlossen sind.

Selbstwirksam möchten sie entscheiden, wohin ihre Lebensreise geht: Angefangen mit den zu lernenden Dingen und Fertigkeiten, die wir ihnen im Kita-Alter als Anregung geben können.

o   Ziele

„Telos“ kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Ziel“. Die Individualpsychologie betrachtet den Menschen eher „final“ (zielorientiert) als „kausal“ (Ursachen-orientiert). Es geht zum einen um Ziele, die in der Ferne liegen – Lebensziele (der sogenannte „Lebensstil“ jedes Menschen), als auch um sogenannte „Nahziele“, also Ziele für die nahe Zukunft, den nächsten Augenblick.

Den Zielen zu eigen ist, dass die meisten davon unbewusst sind. Die Zahl hierzu ist enorm: Mehr als 95 bis 99% des menschlichen Daseins ist unbewusst. Also sind uns allen unsere allermeisten Ziele nicht bewusst. Das bedeutet: Wir tun unbewusst etwas, von dem wir bewusst glauben, dass wir dies gar nicht wollen – weil der große unbewusste Teil von uns genau mit diesem Handeln ein Ziel verfolgt, das wohl eine Art „Nutzen“ bringt. Der Individualpsychologe Rudolf Dreikurs sagt: „Wenn du wissen willst, was du willst, musst du schauen, was du tust.“ Bedeutet: Indem ich mein Handeln betrachte, finde ich heraus, was mein dahinter liegender – unbewusster – Wunsch und Wille ist. Weniger wichtig sind die Gründe: unschöne Kindheit, fehlerorientierte Lehrerinnen und vieles mehr, was man gemeinhin gerne als „Entschuldigung“ für sein eigenes Handeln herholt.

Die Eigenverantwortung des Menschen für sein persönliches Handeln spielt also eine große Rolle. Auch, wenn der größte Teil davon unbewusst ist.

Mit Hilfe der Fernziele können wir unseren „Lebensstil“ erkennen: Die Welt ist…, die anderen sind…, ich muss mich also… verhalten. Die ersten 10 Lebensjahre in der Entwicklung eines Kindes sind entscheidend für die Entwicklung dieser persönlichen Sicht auf das Leben!

Mit Hilfe der „Nahziele“ können wir den Grad der Entmutigung eines Kindes und eines Erwachsenen erfahren. Dazu später mehr.

o   Die persönliche Wahrnehmung

In Zusammenhang mit den Zielen ist es sehr wichtig zu verstehen, dass jeder Mensch sich im Laufe seiner frühen Kindheit eine bestimmte Sicht auf die Welt entwickelt – er formt seinen Lebensstil. Alfred Adler vergleicht dies mit einer Brille, die sich das Kind in seinen ersten Lebensjahren aufsetzt. Die Farbe der Gläser färbt es genauso selbsttätig, wie es die Schärfe der Gläser fräst. Will heißen: Jedes Kind „entscheidet“ sich unbewusst, bestimmte Tatsachen, Situationen und Gegebenheiten auf seine persönliche Weise zu sehen oder nicht zu bemerken, zu betrachten und zu bewerten! Dabei ist wohl entscheidend, mit wie viel Emotion ein Erlebnis erfahren wurde.

Das Seltsame ist, dass ein Erlebnis, das von einem jungen Menschen als „gefährlich“ eingestuft wird, von einem anderen jungen Menschen als „neutral“ oder gar „belustigend“ bewertet wird!

Diese Tatsache hat enorme Folgen für den Umgang mit den uns anvertrauten Kindern! Zum einen dürfen wir nicht automatisch annehmen, dass ein Kind eine „schreckliche“ Situation ebenso „schrecklich“ bewertet, wie ich. Und andersherum dürfen wir nicht automatisch annehmen, dass ein Erlebnis, das wir als „neutral“ einstufen, vom Kind ebenso interpretiert wird! Indem wir „in den Schuhen des Kindes laufen und mit seinem Herzen fühlen“, indem wir „zum Kind werden“, sehen wir durch seine persönliche Brille, fühlen wir, wie es dem Kind geht, wie das Kind die Situation einstuft und bewertet. Indem wir ihm behutsam helfen, dass es auf eine Gegebenheit mehrere Ansichten und Meinungen gibt, indem wir ihm liebevoll aufzeigen, dass es in einer Situation viele verschiedene Handlungsalternativen gibt, helfen wir ihm, einen reichhaltigen Lebensstil zu entwickeln: Seine „Brille“ lässt dann nicht nur eine Ansicht, sondern viele verschiedene Interpretationen durch. Sein Handlungsspielraum erweitert sich. Und das ist es, was einen „mutigen Menschen“ auszeichnet: Eine Fülle an Möglichkeiten zur Verfügung haben und im entscheidenden Moment die dann passende auszuwählen – und nicht nur auf eine einzige zurückgreifen zu können.

o   Ermutigung

Ermutigung ist das Handwerkszeug der Ermutigungspädagogik, der Telos®-Entfaltungs-Haltung. Damit ist nicht gemeint, zu loben. Im Gegenteil: Lob macht süchtig und hat mit ermutigen so gut wie nichts zu tun.

Ermutigungen bedeutet, einem (jungen) Menschen sozialen Mut entgegenzubringen: Diese Einstellung, die macht, dass der Mensch sich angenommen fühlt, genauso, wie er ist. Und davon ausgehen, dass dieser Mensch nun ganz automatisch diesen Mut ebenfalls lebt.

Ermutigen bedeutet, zu erkennen, wie es dem anderen geht, was die Situation erfordert. Zu erkennen, ob es belastende „Steine“ der Entmutigung gibt. Diese Steine entfernen, versachlichen oder verkleinern – und dann passgenau die Art von Hilfe zu geben, die macht, dass sich der (junge) Mensch wieder angenommen fühlt, so (unvollkommen) wie er ist, dass er wieder bereit ist, mitzutun auf seine (unfertige) Weise, dass er sich geliebt fühlt und diese Liebe an alles und jeden weitergibt. Später mehr zur Ermutigung.

o   Gemeinschaft

Kinder lieben es, sie selbst zu sein. Kinder zeigen gerne, was sie (schon) können. Kinder sagen gerne „ich will…!“. Kinder setzen sich gerne von anderen ab.

Dazu brauchen Kinder eine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Familie, der Geschwister, der Kita-Gruppe, der Schulklasse, des Freundeskreises, des Sportvereins, der Musik-Gruppe… „Ich bin besser als…“. „Ich kann schon…“

Dieser Gedanke ist uns wohl vertraut.

Der andere Gedanke ist noch etwas ungewohnt: Kinder lieben eine Gemeinschaft, weil sie es lieben, für die Gemeinschaft etwas zu tun. Zu helfen, beizutragen, sie zu beglücken, Ideen für sie zu erfinden und umzusetzen. Kinder helfen gerne mit. Einfach so. Ohne Gegenleistung. Ohne Anerkennung. Ohne Belohnung. Wenn wir es „richtig“ machen und ihren freiwilligen Beitrag „sehen“, „bemerken“, „uns ganz natürlich darüber freuen“, eben „ermutigend anerkennen“ – dann werden diese Beiträge mehr. Einfach so. Ohne, dass wir sie einfordern müssen.

Jedes Individuum liebt es, in einer Gemeinschaft zu leben, wenn es in seiner Individualität innerhalb der Gemeinschaft gewürdigt wird.

o   Natur

In der Individualpsychologie gibt es fünf „Lebensaufgaben“. Liebe, Gemeinschaft, Arbeit, Ich – die fünfte ist die Liebe zur Natur. Dies findet im Telos®-Kinderhaus seinen Niederschlag in unserem besonderen Engagement für das Thema BNE (Bildung zur nachhaltigen Entwicklung). Zurzeit ist unser Hauptziel im Telos®-Kinderhaus möglichst „Zero-Waste, plastik- und CO2-frei“ zu leben. Hierbei beziehen wir die Kinder und Eltern sehr aktiv mit ein.

o   Gleichwertigkeit

Auch, wenn manche Menschen älter sind als andere und mehr Lebenserfahrung haben, sind sie doch gleich-wertig. Sie haben den gleichen inneren Wert. Dies leben wir in der Telos®-Entfaltungs-Haltung ohne Wenn und Aber. Diese Einstellung bezieht sich auf das junge, sehr junge, Krippenkind (das noch nicht in der Lage ist, sich verbal auszudrücken) genauso, wie auf die Postbotin, den Elektriker oder das Elternteil, das eine ganz andere Meinung vertritt, als wir.

o   Integrität

Uwe Albrecht schreibt, dass die Zeit des Homo sapiens vorbei ist. Die Zeit des Homo integer ist angebrochen. Die Zeit des unversehrten, unbescholtenen, unbestechlichen, untadeligen, redlichen, rechtschaffenen Menschen. Ein integrer Mensch ist im Sinne der Individualpsychologie ein sozial mutiger Mensch. Kompromisslos lebt er das, was jetzt dran ist im Sinne der gesamten Menschheit. Ohne Rücksicht, ob ihm dies einen persönlichen Gewinn bringt.

·      Ermutigung: Das Handwerkszeug der Telos®-Entfaltungs-Haltung

Eine Pflanze entfaltet sich ganz von alleine… ohne Zutun von außen. Menschen jeden Alters entfalten sich ganz von alleine… ohne Zutun von außen. Nur Raum und Zeit geben …. Und behutsam ermutigen.

Ermutigung ist eine menschliche Haltung. Für diese kann man sich bewusst entscheiden. Viele der Mitarbeiter*innen des Telos®-Kinderhauses Utting haben sich ausdrücklich dafür entschieden, die Haltung „Ermutigung“ zu leben. Die Basis für Ermutigung ist ein Menschenbild. Deshalb streift man diese Haltung nicht am Ende der täglichen Arbeit ab – einmal bewusst dafür entschieden, behält man diese Haltung bei. Dann ermutigt man – absichtlich oder unabsichtlich – die Menschen, die einem Tag für Tag begegnen. Sei dies nun in der Arbeit, in der Kita, oder zu Hause, im Freundeskreis, beim Ehrenamt oder im Sport- oder Gesangsverein.

o   Sozialer Mut

Ermutigung fördert den sozialen Mut eines Menschen. Durch Ermutigung fällt es einem leicht, integer zu leben. Der Gradmesser für die Integrität eines Menschen ist sein sichtbar gewordener sozialer Mut.

o   Ermutigung ist das, was als Ermutigung ankommt

Durch seine persönliche „Brille“ blickt der (junge) Mensch auf sich und sein Leben. Ob er das, was ich ihm Gutes tun will, als Ermutigung empfindet, entscheidet er unbewusst selber. Nur, indem ich im Ergebnis prüfe, ob das, was ich tue, auch als Ermutigung empfunden wird, finde ich die passgenaue Ermutigung.

Der Armlängentest und die Vorstellung, einige Zeit in die Zukunft zu gehen und das Ergebnis schon vorab in der Vorstellung aus der Zukunft zu überprüfen, ist ein hervorragendes neues pädagogisches Handwerkszeug, das uns davor bewahrt, statt aus Versehen zu entmutigen, ganz bewusst und passgenau zu ermutigen. 

o   Ermutigung orientiert sich am Empfänger

Es ist ganz unwichtig, ob ich – die handelnde Pädagogin – etwas als Ermutigung empfinde. Entscheidend ist ausschließlich, ob mein Adressat (meistens: das entmutigte Kind. Oft auch: Ich selbst!) dies als Ermutigung empfindet! Dies bedeutet, dass die handelnde Pädagogin jederzeit ganz offen und sozusagen neutral prüft, ob eine Handlung, ein Satz, ein Wort, eine Geste, ein Vorschlag, eine Mimik usw. für diesen Adressat das geeignete Mittel der Ermutigung ist.

Auf keinen Fall darf ich etwas tun, weil ich (als Kind) mit dieser Haltung/Handlung damals eine Er-/Entmutigung erfahren habe. Rückschlüsse aus meiner eigenen Erfahrung sind kein geeignetes Mittel der Ermutigung. Eigene Erfahrungen (zum Beispiel aus der Kindheit) sind ein Mittel, um eine Vielfalt an Handwerkszeug zu erhalten: Ob dieses Handwerkszeug er- oder entmutigt, hängt nicht von meiner Erfahrung ab, sondern von der unbewussten Entscheidung des Empfängers.

Entscheidend für uns Pädagoginnen ist es, dem Empfänger/dem Kind eine Vielzahl von Erfahrungen zuzutrauen; ihm Vorbild zu sein, dass er eine einmal gemachte Erfahrung nicht sofort in eine einzige Kategorie steckt („immer wenn ich diese Geste sehe, fühle ich mich entmutigt!“); ihm ermöglichen, viele verschiedene Erfahrungen zu machen… um sich einen bunten Lebensstil zu entwickeln.

o   Mitgefühl

Um passgenau zu ermutigen, um zu erkennen, ob das, was ich tue, als Ermutigung ankommt, ist Mit-Gefühl nötig! Mitfühlen – mich einfühlen – zu genau diesem Menschen werden – den Klang desjenigen erfassen…

Wie klingt das entmutigte Kind?

Wie hat das Kind früher geklungen, als es ein „mutiges/ermutigtes“ Kind war?

Hierbei im Zeitstrahl einfach zurückgehen… bis das Kind anders klingt. Ist dieses „anders“ bereits die Ermutigung/der Mut? (Der Armlängentest hilft.)

Wie klingt es in Kürze, wenn ich dies oder jenes tue? Ändert sich sein Klang in „seinen Mut“, in Ermutigung?

o   Atmosphärische und praktische Ermutigung

Wenn die Atmosphäre ermutigend ist, dann ist eine Grundvoraussetzung für die Basis, nämlich grundsätzliche Annahme, gegeben. Die Atmosphäre lässt sich zum einen beeinflussen, indem ich mich selber annehme, so wie ich bin; meine Stärken kenne, meine Schwächen als „Fehlendes“ erkenne und mutig mein Leben in diesem Punkt ändere; mich auf Potential und nicht auf Defizit konzentriere…

Hilfreich ist die Vorstellung, ich selbst sei eine Karaffe gefüllt mit Wasser: Wie viele fremde Teilchen schwimmen in „meinem“ Wasser? Allein die Vorstellung, bevor ich die Kita betrete mit einem Kescher „mein“ Wasser zu reinigen und alles, was nicht in mich gehört, draußen vor der Türe in eine virtuelle (vorgestellte) Aufbewahrungs-Box zu geben, ist hilfreich. Alles, was dringend zu mir gehört, weil es zum Beispiel noch von mir betrachtet, kennengelernt und verändert werden will, nehme ich später beim Verlassen der Kita aus der Box wieder mit. Nun bin ich offen und bereit für die Kinder.

Zum anderen ist die Atmosphäre in den äußeren Gegebenheiten bewusst zu gestalten: Den Raum reinigen und heilen; das Haus fragen, was es braucht, mit dem Garten bewusst in Kontakt treten… als lebendiges Wesen vorstellen (egal, welche „Form“, welche „Gestalt“ diese dann annehmen), mit ihnen gemütlich, bei einer Tasse Tee, ins Gespräch kommen, sie fragen, wie es ihnen geht, was sie brauchen. Und dies virtuell geben. Oder in echt, in der Realität, ändern. Zuerst also im Geist ändern, dann folgt die Realität der Vorstellung.

Die praktische Ermutigung ist ebenfalls äußerst vielfältig. Jede Handlung, Geste, Mimik, jedes Schweigen und Nicht-Tun, jeder Blick, jedes Geschenk, jedes weg-gelassene Geschenk… kann Ermutigung sein. Als Ermutigungs-Spezialisten haben wir ein so vielfältiges Repertoire an Ermutigung, wie wir selbst unsere eigene Vielfältigkeit an-erkennen. Alles und nichts kann praktische Ermutigung sein.

o   Die Empfänger von Ermutigung …

… sind: Alle Menschen, die mir begegnen, einschließlich mir selbst. Und Gegenstände, Häuser, Pflanzen und Tiere…

o   Ermutigung tun, Belohnung weglassen

Ermutigung orientiert sich am Sein des zu-Ermutigenden. Und nicht am Tun des zu-Ermutigenden. Wenn ich fühle und anerkenne, wie das Kind ist – egal, was es tut – ermutige ich. Dies ist der große Unterschied zum „Lob“. Dieses bewertet – ob man es will oder nicht – die Tat des Kindes. In irgendeiner Form bringe ich beim Lob mein Gefallen oder Nicht-Gefallen zum Ausdruck. Ein gemaltes Bild wird anhand dessen, was sichtbar ist, bewertet. Ein „schönes“ Bild spornt das Kind an, wieder ein solch „schönes“ Bild zu malen (ob die Belohnung für das „schöne“ Bild ein liebes Wort, eine gute Note in der Schule oder ein Stück Schokolade ist, ist egal).

Eine falsch oder richtig gerechnete Rechnung als Kind nochmal erneut anzupacken, macht nur dann mutig Freude, wenn der Ermutiger sich ausschließlich am Sein des Kindes orientiert hat: An seinem Eifer, an seiner Geduld, an seinem grundsätzlichen Interesse für Zahlen, an seiner Schnelligkeit, an seinem guten Gefühl für Zahlen uvm. Allein der Satz „die Aufgabe 2+1 hast du richtig gerechnet“ kann  – wohlgemerkt kann (das Kind entscheidet unbewusst!) – als Entmutigung aufgefasst werden. Der Satz „ich habe gesehen, wie deine Augen geleuchtet haben, als du 2+1 gerechnet hast“ (absolut egal, ob das Ergebnis richtig oder falsch gerechnet wurde) macht beim Kind Lust auf mehr Rechnen. Aber auch dies entscheidet der Empfänger, das Kind.

„Tat vom Täter unterscheiden“ ist der ursprüngliche Satz der Individualpsychologie.

Wir sagen in der Telos®-Entfaltungs-Haltung: „Sein vom Tun unterscheiden“.

Beim „Sein“ fokussiere ich mich auf die Emotionen des Kindes, die ich in seiner Körperhaltung, seiner Mimik, seinen Augen, seinem Tonfall… und dem, was ich intuitiv spüre, indem ich mich „als es“ fühle, wahrnehme. Beim „Tun“ bzw. der „Tat“ begrenze ich mich auf das sichtbare Handeln des Kindes – und es entgehen mir dadurch Millionen Arten von ermutigendem Handwerkszeug.

o   Fluten

Manchmal ist Ermutigung ganz einfach, nämlich dem Kind virtuell zu geben, was es (an Ermutigung) braucht. Es damit fluten. Das kann sein: „die Mama“, „eine bestimmte Farbe“, „eine bestimmte Emotion“, „ein bestimmter Ort/sein Zuhause“…

1. Zum entmutigten Kind werden.

2. Wahrnehmen, was ihm fehlt/was es braucht.

3. Es ihm virtuell geben – es damit fluten.

o   Abgeben…

… hilft immer dann, wenn ein Kind unbewusst eine bestimmte Pädagogin auserwählt hat, seinen Hilferuf (ausgedrückt im Nahzielverhalten) bei ihr zu zeigen – und WENN sie die Not des Kindes nicht sofort als Hilferuf, sondern als persönlichen Angriff missverstanden hat.

Es hilft:

  1. Wenn anderen Kolleginnen behutsam fragen, ob sie mal übernehmen sollen – und dann abzugeben!
  2. Wenn man es selber merkt, eine andere Kollegin um Hilfe bitten und ihr die persönlich anstrengende Situation übergeben – die für die zweite Kollegin gar nicht anstrengend ist, da sie davon nicht (in Bezug auf ihren Lebensstil) betroffen ist.

o   Liebe und grundsätzliche Annahme senden

Dies ist das größte Ermutigungs-Mittel überhaupt: Liebe. So, wie du bist.

Ob sich dies auf (anstrengende, nervende) Kinder bezieht, oder auf fordernde Eltern, ob auf seltsam anstrengende Vertreterinnen am Telefon, die einem ein Angebot unterbreiten wollen, obwohl man schon längst abgelehnt hat… Grundsätzliche Annahme macht den Unterschied zwischen „normalem Leben“ und „integrem, mutigem Leben“ aus.

o   Vermeiden von übler Nachrede

Die ist das zweitgrößte Ermutigungs-Mittel überhaupt: Üble Nachrede vermeiden.

Es ist verboten, negativ von anderen (Menschen, Firmen, Systemen…) in deren Abwesenheit zu reden. Dies vergiftet die Atmosphäre und untergräbt jegliche Atmosphäre der Ermutigung.

Anders ist es, wenn ich „beratende Hilfe“ von meinen Mitmenschen brauche. Dann benenne ich dies so: „Ich brauche deine Hilfe. Ich habe Schwierigkeiten mit NN. Kann ich dir erzählen, was ich erlebt habe?“ Dann ist die Zuhörerin aufgefordert, sich einzuschwingen und sachliche Hilfe zu geben.

·      Ermutigende Werkzeuge, das Kind zu erkennen

Entmutigung erkennen und passgenaue Ermutigung anwenden  – das zeichnet einen mutigen Ermutigungspädagogen aus! Anschließend – oder vorab im Zukunfts-Zeitstrahl – austesten, ob es so ankommt.

Dafür helfen einige weitere Hilfsmittel.

o   Prioritäten

In der Individualpsychologie betrachtet man jeden Menschen ganz individuell. Und doch haben sich ein paar Charakterzüge herauskristallisiert, die vielen Menschen zu eigen sind. Das sind die sogenannten Prioritäten – also Verhaltensweisen, die dieser Mensch priorisiert. Gefunden hat sie Nira Kfir, Ulrich Pfaffinger hat die vorhandenen negativ klingenden Begriffe in positiv klingende Begriffe umgewandelt.

Nira KfirUlrich PfaffingerLebens-typische Eigenschaften im Falle von EntmutigungSackgasse (wenn dies ist, kommt der Mensch in Not)Preis (um die Sackgasse zu vermeiden)
Bequem-lichkeitSelbstbestim-mungEs angenehm haben wollenSchmerz, Druck, Stress, VerantwortungVerminderte Produktivität
Gefallen-wollenBeziehungs-gestaltungDie anderen sollen mich mögenAblehnung, unerwünscht seinVerzögerte Persönlichkeits-Entwicklung, verkümmerte Selbstverwirk-lichung
KontrolleOrientierungIch wünsche mir SicherheitUnerwartetes, lächerlich sein, ausgeliefert seinSozialer Abstand, Verminderung der Spontaneität
Überle-genheitWirksamkeitIch will etwas darstellenBedeutungs-losigkeit, durch-schnittlich sein, NichtsseinÜberverantwortlichkeit, Überlastung, Gefährdung von Freundschaften

Es ist hilfreich, als Ermutigungs-Pädagogin seine eigene Priorität liebevoll kennenzulernen. Ziel ist es, sich in allen vier Bereichen positiv weiterzuentwickeln: Die Fähigkeit der Priorität für sich und die Gemeinschaft kreativ einzubringen.

Unsere Aufgabe ist es, den uns anvertrauten Kindern zu helfen, dass sie in allen vier Prioritäten „zuhause“ sind – dann ist es keine Priorität mehr, sondern ein reichhaltiger Lebensstil. Manchmal ist es eine Hilfe für das Verständnis des Kindes, dessen momentane Priorität zu kennen. Nun können wir gemeinsam Aufgaben und Tätigkeiten finden, in denen sich das Kind „zu Hause“ fühlt, weil es sich in seinem priorisierten Verhalten erkannt und wohlfühlt.

Selbstbestimmte Menschen: Wenn sie „sozial mutig“ und „integer“ leben, bringen sie Ruhe und Entspannung ins Leben.

Beziehungsgestaltende Menschen: Wenn sie „sozial mutig“ und „integer“ leben, sind sie in der Lage, das Zusammensein zwischen Menschen harmonisch zu gestalten. Sie sind die Friedensstifter.

Orientierung-gebende Menschen: Wenn sie „sozial mutig“ und „integer“ leben, planen und gestalten sie mit System das Leben. Ihre Listen helfen, den Alltag zu erleichtern.

Wirksamkeit-lebende Menschen: Wenn sie „sozial mutig“ und „integer“ leben, führen sie eine Gemeinschaft fair und einfühlsam. Sie übernehmen das Ruder auch in Gefahr, sodass sich die anderen voll und ganz darauf verlassen können.

o   Nahziele (Rudolf Dreikurs)

Ein Kind, dass sich entmutigt fühlt, ist wie ein junger Baum-Schössling, auf dem ein Stein zu liegen gekommen ist: Der Baum wächst zwar noch weiter… aber schief. Der Stein ist die Entmutigung.

Es gilt zu erkennen:

  • Handelt es sich um Ermutigung oder Entmutigung oder „nur“ um Neugier-Verhalten?
  • Was machen wir mit dem „Stein“ der Entmutigung?
  • Wie „schwer“ ist das Kind entmutigt?
  • Was genau an Ermutigung hilft diesem Kind?
Ermutigung? Entmutigung?Stein der EntmutigungGrad der EntmutigungPassgenaue Ermutigung
Verhalten beobachtenerkennenBeobachtenStörendes Verhalten übersehen, weghören – aufhören zu entmutigen
Sich einfühlen – zum Kind werdenentfernenIst das Kind noch auf der Gemeinschafts-Seite oder auf die Ich-Seite gerutscht? (ALT)Das Kind lieben, so wie es ist
Ist es Neugierverhalten/ Ausprobieren?verkleinernPrüfen: Ist das eigene Gefühl die gespiegelte Entmutigung des Kindes? (ALT!)Dem Kind das geben, was es möchte (entsprechend dem Nahzielverhalten), auf der Gemeinschafts-Seite, unabhängig vom anstrengenden Nahzielverhalten
Mit dem ALT nachtestenversachlichenEinordnen in Nahziel 1 – 4Sich selber ermutigen – und sich dafür auch Hilfe holen!

Hier die „vier Nahziele“ Kinder in absteigender Reihenfolge – je tiefer, desto mehr entmutigt… denn desto mehr drückt der als immer schwerer empfundene Stein den Baumschössling nach unten. Wenn ich herausgefunden habe, in welcher Stufe der Entmutigung sich das Kind befindet, kann ich eine umso passendere Ermutigung geben. Der Armlängentest kann helfen, den Grad der Entmutigung (das Nahziel) zu finden:

NahzielWas das Kind willMeine Gefühle /SpiegelErmutigung
Negative und übertrieben positive AufmerksamkeitGesehen werdenIch bin genervtKind bewusst positiv wahrnehmen (einfach so)
Macht (-kampf)Macht haben, selber entscheidenIch will bestimmenDas Kind – innerhalb des von mir gegebenen Rahmens – selber entscheiden lassen
RacheGanz bestimmt selber entscheiden! Zur Not „kaputt machen“Ich fühle mich verletztDas Kind ent-scheiden lassen. Dem Kind Rechte geben.
RückzugEs gibt auf. Es hat den Glauben an sich verloren. Es passt ganz arg auf sich auf, indem es bewegungslos wird.Ich gebe in Bezug auf das Kind auf. Ich „vergesse“ das Kind.Das Kind wahrnehmen – und liebhaben! – so wie es ist.

Auch Erwachsene sind manchmal entmutigt: Hier die „vier Nahziele“ von Erwachsenen:

Entschuldigung (vermeintlicher) eigener Mängel
Aufmerksamkeit
Überlegenheit/Machtkampf
Vergeltung/Rache

Nahzielverhalten kann schnell mal wechseln! Und Nahzielverhalten kann auch beim einen Menschen (Pädagogin A) anders sein, als beim anderen Menschen (gegenüber Pädagogin B): Denn nicht jede Pädagogin ist gleichermaßen offen für die dahinter liegende Botschaft des Kindes – die eine reagiert mehr auf dieses gezeigte Verhalten des Kindes, die andere auf ein anderes (entsprechend ihrem eigenen Lebensstil). Dass das gezeigte kindliche Verhalten ein Hilferuf ist, muss allen Menschen, die die Telos®-Entfaltungs-Haltung leben, klar sein! „Sein vom Tun unterscheiden“ ist hilfreich („Was du tust, mag ich nicht. Dich habe ich gern!“)

Die „Nahziele“ sind ein sehr wichtiger Punkt in der pädagogischen Haltung der Ermutigung. Sie sind hier nur sehr verkürzt dargestellt – bitte nachfragen!

o   Make Ermutigung

Es ist wichtig, sich jederzeit bewusst zu sein – was passiert gerade in der Kita, mit den Kindern… mit mir?!! Ich bin das Handwerkszeug. Ich bin der Spiegel, der das kindliche Verhalten spiegelt (in meiner Gefühlslage) und bewusst aktiv und ermutigend darauf eingeht. Ein Hilfssatz ist „MAKE Ermutigung“ (ausführlich beschrieben in „Der WUNDER-Punkt“ und „Die Trotzphase gibt es nicht“ von Veronika Seiler).

M = Merken, achten, damit ich in der bewusst aktiven Rolle bleibe

A = Atmen!

K – Körperhaltung ändern, Stress abbauen (z.B. auf Thymusdrüse klopfen, einen Schritt zur Seite machen/Leitung frei machen…)

E = Energie und Raum in und um sich herum wahrnehmen

Ermutigung = das „Richtige“ (Beruhigende, Sicherheit schaffende, Annehmende…) für das Kind, für mich, für das Zimmer, für die Situation… tun.

Die Kunst dabei ist, RECHTZEITIG bei mir wahrzunehmen, wie es mir geht. Sind es meine eigenen Themen, die mich beschäftigen (Kopfweh, Gedanken an…, Fragmentierungen…)? Ist es eigentlich mein Thema, meine Not, auf die das Kind aufmerksam macht (siehe weiter unten)? Oder spiegle ich tatsächlich das Kind? Und wenn ich es spiegle: Sich nicht vom Kind weiter antriggern lassen – es genügt, angestupst zu werden. Ein Einstieg ins Drama (Strafen, Diskussionen, Streit…) ist nicht zielführend! Im Gegenteil: Drama stiehlt Energie und Zeit und verhindert konstruktive, ermutigende Lösungen.

·      Sicherheit durch Regeln und Grenzen

Viele Menschen lieben Sicherheit. Manche brauchen mehr, manche fühlen sich mit weniger wohl. Wie ist das bei jedem einzelnen von uns Pädagoginnen?

Wie geht es den Kindern? In jeder einzelnen Lebensphase?

Dieses Thema darf mit großer Bewusstheit und Achtsamkeit betrachtet werden.

o   Starre Regeln und Grenzen

Gefahr an Leib und Leben braucht unverzügliches Handeln!

„Rot“ an der Ampel heißt „Halt!“. Dies dient dem Gesundheitsschutz und dem Überleben. Hierüber besteht keinerlei Diskussion.

Ebenso ist es an Gewässern … bei (Klein-)Kindern, die nicht schwimmen können. „Kannst du ohne Schwimmhilfe schwimmen?“. Nur, wenn die Antwort eindeutig „Ja“ lautet, kann das Kind alleine ans Wasser.

Und am Bahnübergang (bei unseren „Seetagen“), wenn die Schranke „rot“ blinkt. Oder beim Weg in den Wald der Zuruf „Auto kommt“: Alle müssen augenblicklich an den Straßenrand.

Auch für das Spielen mit den Pferdeleinen und Seilen gelten bestimmte Regeln (nur um den Bauch binden), genauso wie die Regel am Gartenzaun „Füße bleiben auf dem Boden“ – also nicht auf den Holz-Querbalken steigen – absolut gilt.

Bei diesen Themen stellt sich überhaupt nicht die Frage, dies mit Kindern zu diskutieren; sich um den Finger wickeln lassen; Eingeständnisse zu machen. Die Sicherheit an Leib und Leben hat Vorrang. Punkt.

o   Dehnbare Regeln und Grenzen

Alle anderen Regeln und Grenzen sind dehnbar.

Es besteht keine Gefahr für Leib und Leben, wenn das Kind die Regel übertritt. Eltern bringen hier gerne die Zahngesundheit oder die Gefahr vor Erkältung an. Meist stehen dahinter eigene unschöne Erfahrungen. Doch: Jeder Mensch hat das Recht, seine eigenen Erfahrungen machen zu dürfen. Dies stärkt das Selbstwertgefühl jedes Kindes. Die lehrt das Kind, seine eigenen persönlichen Grenzen kennen zu lernen („wie kalt muss mir werden, damit ich einen Schnupfen bekomme?“ – „wie blöd ist der Zahnarztbesuch wirklich?“). Jedes Kind darf seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen respektieren und achten! („Wie wichtig ist mir die Gesundheit meiner Zähne?“). Eltern führen hier gerne an, dass das Kind nicht genügend Weitblick und Lebenserfahrung hat, dies einzuschätzen. Dies widerspricht dem Menschenbild der Telos®-Entfaltungs-Haltung: „Ein integres, mutiges Kind will nur das Beste für sich!“ Nur ein entmutigtes Kind nimmt jeden Anlass, der sich ihm bietet – auch Karies im Zahn oder eine saftige Erkältung – um auf seinen Stein der Entmutigung, seine Not (oder auf die seiner Eltern!) aufmerksam zu machen.

Regeln und Grenzen werden in der Telos®-Entfaltungs-Haltung (meist) gemeinsam erarbeitet. Der ALT hilft, dies zu entscheiden: Welche Regel legt das Team (die Eltern) fest? Welche das Kind? Wo entscheiden wir gemeinsam? Wie lange ist die Testphase? Welches Ergebnis spricht für die Beibehaltung?

Regeln und Grenzen wachsen automatisch – nicht erst, wenn der Regelrahmen dem Kind bereits zu klein ist. Das pädagogische Team ist jederzeit wachsam, die Bedrohung der zu klein werdenden Grenzen zu erkennen und sofort dagegen zu arbeiten: „Ich merke, du hast schon so viel Verantwortungsgefühl für dich. Ab heute darfst du…“ Dies ermutigt Kinder!

Der Kampf um zu klein gewordene Regelrahmen schluckt in vielen Begegnungen mit Kindern extrem viel Energie. Dies ist dann der sogenannte Machtkampf, oder die sogenannte Trotzphase. Beide sind Anzeichen für Entmutigung: Der Stein der Entmutigung ist dann das Gefühl des Kindes, „nicht genug“ zu sein. Nicht alt, schlau, fähig genug, um dies zu dürfen. Da das Kind selbst jedoch sehr lange Zeit NICHT an seinen Fähigkeiten zweifelt, kämpft es gegen zu enge Regeln an. Ermutigungspädagoginnen geben hier keine Energie hinein. In den Kampf nicht – aus diesem ziehen sie sich sofort heraus. Jedoch in die Erkenntnis, die sich daraus ergibt – da wenden sie Energie auf. Auch und oft gemeinsam im Team. „Was braucht das Kind? Gegen welche zu enge Regel kämpft es an? Was haben wir übersehen, was kann es schon? Welche Regel wird also ab sofort erweitert?“

Wichtig ist auch die persönliche Erkenntnis: Welche Regel halte ich Erwachsene gut/nicht gut aus? Wie hoch darf ein Kind auf den Baum klettern, wenn ich die Aufsicht habe? Kinder verstehen diese Ansagen selbstverständlich: „Heute bin ich da – bei mir ist es anders als bei meiner Kollegin.“

·      Neues Handwerk der Telos®-Entfaltungs-Haltung

Einige Tools von innerwise® sind ein sehr geeignetes Hilfsmittel, um Entmutigung zu erkennen und Ermutigung zu tun. Einige wurden im Text schon erwähnt.

o   Armlängentest

Der Armlängentest ist ein neurologischer Muskeltest. Muskeln spannen sich an bei Stress und entspannen sich bei Harmonie. Der Biss in eine saure Zitrone lässt uns die Gesichtsmuskeln verziehen. Ungleichlange Arme (oder Finger) bedeuten Stress, also die Antwort „Nein“. Gleichlange Arme (oder Finger) bedeuten Harmonie, also „Ja“. Alle neuen Mitarbeiterinnen sind herzlich eingeladen, sich den Armlängentest von uns langjährigen Mitarbeiterinnen zeigen und erklären zu lassen. Mehr dazu auch im Internet auf www.innerwise.com oder auf YouTube. Stichworte: „Armlängentest Uwe Albrecht“.

Für den Armlängentest ist es wichtig, im „Es schaut“, bzw. „im Kugelblick“ zu sein. Das bedeutet, weg von der individuellen Sichtweise zu kommen, hin zur allgemeingültigen.

o   Klient – Subklient – passgenau

In der Ermutigungspädagogik ist es wichtig, den richtigen Menschen zu ermutigen. Seltsamerweise sind Kinder meistens „nur“ diejenigen, die ihren Familien zuliebe, Themen der Eltern aufzugreifen. Schätzungsweise nur ¼ der beobachtbaren Entmutigungen von Kindern sind „Kinder-Themen“, der Rest, nämlich ¾ gehören zu den Eltern, den Großeltern, den Geschwistern, dem System „Familie“…

Als Menschen, die die Telos®-Entfaltungs-Haltung leben, achten wir darauf, den ursprünglichen „Träger“ der Entmutigung zu finden. Dies tun wir nicht ungefragt! Nur, wenn wir in Elterngesprächen gemeinsam darauf kommen. Sobald Eltern erkannt haben, dass ihr Kind ihr eigenes, also das Eltern-Thema trägt, sind sie sofort aufgefordert, dies ihrem Kind abzunehmen! Dabei helfen wir Familien ermutigend und einfühlsam. Zwei Beispiele:

Beispiel 1: Ein Kind bekommt ein junges Geschwister. Das Erstgeborene fährt alle Mittel der Entmutigung auf… von Aufmerksamkeit über Machtkampf bis hin zu  Rache. Allen Beteiligten ist klar, dass das Kind wegen der sogenannten „Entthronung“ entmutigt ist. Das wäre also das Thema des Kindes. Dies ist jedoch nur zu einem Teil richtig. Denn das dahinter liegende Thema gehört den Eltern: Die Partnerschaft klären. Die gemeinsame bewusste Elternschaft klären. Sich gegenüber den Groß-/Schwieger-/Eltern durchsetzen. Sobald die Eltern „ihre Hausaufgaben“ gemacht haben, wird das Erstgeborene es nicht mehr nötig haben, das sehr geeignete Thema „Entthronung“ zu benutzen, um auf die Not der Eltern aufmerksam zu machen.

Beispiel 2: Die Eltern eines Kindes arbeiten Vollzeit – das Kind ist von früh bis abends in der Kita. Es zeigt sämtliche Anzeichen von Entmutigung in den Nahzielen negative Aufmerksamkeit, Machtkampf und Rache. Auch die Eltern verstehen selbstverständlich, dass sie weniger arbeiten sollten – ihrem Kind zuliebe. Die Entmutigung scheint also beim Kind zu liegen. Der größere Anteil liegt jedoch bei den Eltern – und das Kind hat die vorhandene Gegebenheit in geschickter Weise genutzt, um dankenswerterweise auf die „Not“ der Eltern (des Vaters? der Mutter?) hinzuweisen. Vielleicht diese: „Wenn ich nicht Vollzeit arbeite, bin ich ein Niemand.“ Oder noch übertrumpft: „Nur, wenn ich Vollzeit-Job und Kind gekonnt unter einen Hut bringe, sehen meine Freunde/ meine Eltern/ meine Geschwister, wie gut ich bin! Ich beweise es allen!“ Das Kind zeigt also auf ein Minderwertigkeitsgefühl der Eltern hin. Sobald die Eltern dies erkannt haben und daran arbeiten, werden die Anzeichen der Entmutigung des Kindes aufhören.

o   Die Kleine Heilapotheke

Die kleine innerwise®-Heilapotheke ist ein geeignetes Instrument, um schnell und unkompliziert ermutigende Hilfe zu geben. Vor allen Dingen sich selber. Geeignet ist es auch, um „die Beziehung, die von mir zum Kind/zu einem Elternteil/einer Familie“ geht, positiv zu gestalten, um ein Elterngespräch oder ein Zusammensein mit Kindern und einer Pädagogin vorbereitend positiv zu gestalten… Es kann auch helfen, um die unbewussten Beweggründe eines Kindes zu verstehen.

Die kleine innerwise®-Heilapotheke besteht aus 309 Heilsinfoniekarten und 6 Fragekarten. Alles, was mit mir zu tun hat, darf ich bearbeiten. Der ALT gibt zuverlässig Antwort auf die Frage, ob ich mit ihr arbeiten darf. Am einfachsten ist es, eine bestimmte Anzahl Heilsinfoniekarten zu ziehen und ein, zwei hinterlegte Texte zu lesen. Diese geben mir immer einen Hinweis, wie ich mein Verhalten ändern soll. Dies zu tun – ist meine eigene Entscheidung.

Um ein Kind zu verstehen, das sich in eine Handlungsweise „verrannt“ hat, kann es helfen, eine Karte zu ziehen und die Botschaft dem Kind vorzulesen. Der ALT gibt Antwort, ob mir das erlaubt ist. Auch, wenn die Worte für Erwachsene geschrieben sind, spricht der dahinterliegende Inhalt die Kinder an – und wir verstehen, was das Kind im Innersten bewegt.

Mehr dazu auf www.innerwise.com, bzw. gerne vom Telos®-Team erklärt.

·      Die Telos®-Gemeinschaft

Das Telos®-Kinderhaus-Team in Utting entwickelt sich seit Gründung des Telos®-Kinderhauses durch mich (Veronika Seiler) im Jahr 1997 stetig weiter. Durch Ausprobieren lernen wir Neues. Neue Kolleginnen lernen durch Abschauen, wie „Ermutigung“ geht. Indem wir ehrlich uns selbst und den Kolleginnen gegenüber sind, entsteht Vertrauen – die Basis für die Entfaltung des Lebens.

Veronika Seiler, Januar 2021

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